Warum du seltener einen Orgasmus hast als er: der Pleasure Gap erklärt
Wenn du dich fragst, warum du beim Sex seltener einen Orgasmus erlebst als dein Partner (oder sogar gar nicht), bist du nicht allein. Als Sex Coach begleite ich seit Jahren Frauen, die genau diese Frage umtreibt.
Studien zeigen einen deutlichen Unterschied darin, wie oft Frauen und Männer beim Sex einen Orgasmus erleben. Wissenschaftlerinnen nennen dieses Phänomen den Pleasure Gap oder auch Orgasm Gap.
In diesem Artikel erkläre ich dir, was die Forschung zum Pleasure Gap tatsächlich zeigt, warum er nichts mit deiner Biologie zu tun hat und was du konkret tun kannst, um wieder mehr Lust und Orgasmen in dein Sexleben einzuladen.
Was ist der Pleasure Gap?
Ganz einfach gesagt beschreibt der Pleasure Gap die Differenz dazwischen, wie oft Männer und Frauen beim Sex einen Orgasmus erleben. Studien zu diesem Thema zeigen: In heterosexuellen Beziehungen kommen rund 95% der Männer beim Sex meistens oder immer zum Orgasmus. Bei Frauen liegt dieser Wert bei nur etwa 65%.
Das dürfte erst einmal niemanden überraschen (auch wenn es die eine oder andere unter uns hoffentlich wenigstens ein bisschen wütend macht). Spannend finde ich aber, wie diese Zahlen interpretiert werden. Denn viele scheinen daraus folgenden Schluss zu ziehen:
Frauen haben schlicht eine geringere sexuelle Reaktionsfähigkeit als Männer und der weibliche Orgasmus ist nun mal komplizierter, unzuverlässiger, schwerer zu erreichen. Das ist eine biologische Tatsache, kann man nix machen.
Genau diese Deutung halte ich jedoch für Blödsinn und den Beweis dafür liefert die Forschung selber. Lass mich dir erklären, wie ich darauf komme.
Liegt es an der Biologie?
Hier wird es nämlich spannend… Wenn der Pleasure Gap tatsächlich biologisch bedingt wäre, müsste er sich in jedem sexuellen Kontext gleich zeigen. Genau das ist aber nicht der Fall.
Die gleichen Studien zeigen, dass bei lesbischen Paaren die Rate der Frauen, die beim Sex meistens oder immer einen Orgasmus erleben, bei etwa 86% liegt. Und beim Solo-Sex kommen 90 bis 95% der Frauen zuverlässig zum Orgasmus, und zwar in einer ähnlichen Zeitspanne wie die Männer.
Wenn man also ALLE Zahlen dieser Studien berücksichtigt, wird klar, dass der weibliche Körper erwiesenermassen nicht der Grund für die Orgamsuslücke ist. Frauen sind ganz offensichtlich biologisch genauso in der Lage, zuverlässig und häufig einen Orgasmus zu erleben wie Männer (gemäss Studien nämlich dann, wenn sie mit sich selber oder einer Frau Sex haben).
Vielen scheint beim Lesen dieser Studien offenbar entgangen zu sein, dass die Orgasmuswahrscheinlichkeit für Frauen erst dann beträchtlich absinkt, wenn ein Mann ins Bild kommt – und das ist ein entscheidender Hinweis darauf, worum es hier wirklich geht.
Was der Pleasure Gap wirklich aussagt
Wenn man die Ergebnisse der Studien zu diesem Thema gründlich liest und in ihrer Gesamtheit anschaut, dann muss einem klar werden, dass der Pleasure Gap eigentlich gar nichts über die weibliche Biologie oder die sexuelle Reaktionsfähigkeit von Frauen aussagt. Schliesslich verändert sich die Biologie der Frau ja nicht, je nach dem, mit wem sie gerade Sex hat.
Der Grund für die Orgasmuslücke scheint meiner Meinung nach vielmehr in einem Wissens- und/oder Kommunikationsproblem zu liegen, das spezifisch im heterosexuellen Kontext auftaucht. Einerseits fehlt es Männern offenbar an Wissen über den weiblichen Körper, die weibliche Lust und die weibliche Sexualität. Das soll kein Männer-Bashing werden aber ich glaube, wir haben alle Erfahrung gemacht mit dem ein oder anderen Mann, der in diesem Bereich noch so einiges zu lernen hat... Andererseits weiss ich aus meiner Erfahrung als Sex Coach, dass für viele heterosexuelle Paare die Kommunikation über sexuelle Wünsche und Bedürfnisse nicht einfach ist und daraus Situationen entstehen können, in welchen Frauen eben nicht die Stimulation und die Rahmenbedingungen erhalten, die sie bräuchten, um einen Orgasmus zu erleben. Die Dynamiken, die dabei ins Spiel kommen, sind einen eigenen Blogartikel wert.
Aber warum interpretieren wir diese Studien denn immer noch so offensichtlich falsch? Warum hält sich dieser Mythos vom komplizierten weiblichen Körper und dem mysteriösen weiblichen Orgasmus so hartnäckig? Nun, wenn ihr mich fragt, lautet die Antwort darauf: Weil es halt irgendwie auch bequem ist (jedenfalls für die Männer).
Der bequeme Mythos des “mysteriösen weiblichen Orgasmus”
Vielleicht fehlt es Männern nicht nur am Wissen rund um den weiblichen Körper und vielleicht ist es auch nicht so, dass wir Frauen ihnen nicht gut genug erklären, was wir brauchen. Vielleicht ist es für Männer auch schlicht sehr bequem und es fehlt an Willen, den Pleasure Gap zu schliessen.
Again, das soll hier keine generelle Abrechnung mit den Herren der Schöpfung werden. Auch sie wachsen schliesslich in einer Gesellschaft auf, die ihnen ganz bestimmte Vorstellungen und Erwartungshaltungen rund um Sexualität mitgibt, die sie vermutlich unbewusst übernehmen, genauso, wie wir Frauen das auch tun. Und das wird bei der Pleasure Gap Problematik auch wieder sichtbar: Es gibt verschiedene tief verankerte gesellschaftliche Vorstellungen, die den Pleasure Gap nicht nur erklären, sondern aktiv am Leben halten. Eine davon ist die Idee, dass beim Sex die Lust des Mannes im Vordergrund steht und die der Frau eher Nebensache ist. Diese Vorstellung führt dazu, dass viele Frauen zögern, ihren eigenen Orgasmus und das, was dafür nötig wäre, überhaupt einzufordern. Und sie macht Männer ein Stück weit blind dafür, dass überhaupt mehr von ihnen erwartet werden kann. Sie bekommen ja ihre Befriedigung. An dieser Stelle lade ich dich zu einem kleinen Gedankenexperiment ein: Wenn Männer beim Sex mit Frauen plötzlich nur noch in 65% der Fälle einen Orgasmus erleben würden, was denkst du würde das mit ihrer Libido, mit ihrer Lust, mit ihrem Sex Drive machen?
Hinzu kommt, dass wir in unserer Gesellschaft ein sehr enges Bild davon haben, was Sex ist und wie er abzulaufen hat. Denn wenn wir von «Sex» sprechen, meinen viele damit penetrativen vaginalen Geschlechtsverkehr. Alles andere ist «nur» Vorspiel. Der Hauptfokus liegt also beim heterosexuellen Liebesspiel auf genau der Praktik, die für Männer am erregendsten ist, während die Praktiken, die für Frauen am zuverlässigsten zum Orgasmus führen (vor allem klitorale Stimulation) viel weniger Platz bekommen. Auch hier wieder: Voll die stimmige Situation für Männer also wieso sollten sie was daran ändern wollen?
Und jetzt kommen wir zu einer noch tieferen Ebene: Ein Grund dafür, dass sich dieser Mythos des komplizierten weiblichen Körpers und des mysteriösen weiblichen Orgasmus so hartnäckig hält ist eben genau, dass er eine bequeme Erklärung dafür liefert, dass der weibliche Orgasmus so selten stattfindet. Wenn weibliche Lust ohnehin von Natur aus kompliziert, geheimnisvoll und schwer zu erreichen ist, muss sich niemand fragen, ob vielleicht einfach mehr Wissen, mehr Übung oder mehr Kommunikation nötig wären, um Sex für Frauen genussvolle, erfüllender und befriedigender zu gestalten. Der Mythos erklärt das Ausbleiben des Orgasmus bereits vorab und nimmt damit jeden Druck heraus, wirklich etwas zu verändern. Man kann von Männern ja schliesslich keinen solch massiven Mehraufwand erwarten, der mehr oder weniger an Magie grenzt, oder?
Du bist nicht komplizierter und deine Lust ist keine Nebensache
Dieser Glaubenssatz, dass Frauen und ihr Orgasmus ein unlösbares Rätsel sind, ist wie wir nun wissen falsch. Er ist eine bequeme Geschichte und eine Ausrede, die dich um deinen Orgasmus bringt.
Dieser Glaubenssatz darf hinterfragt und losgelassen werden. Er hat dir jahrelang eine falsche Erklärung für etwas geliefert, das sich tatsächlich verändern lässt.
Du bist nicht zu kompliziert, du brauchst nicht zu lange und du erwartest auch nicht zu viel. Du verdienst es genauso im Bett auf deine Kosten zu kommen wie dein Partner und du erwartest nicht zu viel, wenn du auch einen Orgasmus erleben möchtest.
Warum das mehr ist als “nur” ein Problem im Bett
Ich bin Martina, zertifizierte Sex Coach und Expertin für weibliche Sexualität. In meiner Arbeit begegne ich immer wieder Frauen, die glauben, mit ihnen persönlich stimme etwas nicht, weil sie seltener oder nie einen Orgasmus erleben, während ihr Partner es scheinbar mühelos tut. Das ist eine der am häufigsten missverstandenen und am meisten schambesetzten Erfahrungen, die Frauen in ihrer Sexualität machen.
Was ich immer wieder erlebe: Sobald eine Frau versteht, dass der Pleasure Gap keine persönliche Unzulänglichkeit ist, sondern ein strukturelles Problem, das auf falschen Glaubenssätzen und erlerntem Verhalten beruht, verändert sich etwas Grundlegendes. Die Scham weicht der Neugier. Und genau diese Neugier ist der Anfang jeder echten Veränderung.
Das betrifft übrigens nicht nur dein Sexleben. Frauen, die lernen, ihre eigenen Bedürfnisse zu kennen und einzufordern, berichten mir immer wieder, wie sich dieses neue Selbstvertrauen auch auf andere Lebensbereiche überträgt, auf Beziehungen, auf die Arbeit, auf das eigene Körpergefühl im Alltag.
Was du konkret tun kannst, um den Pleasure Gap zu schliessen
Erkenne den Mythos «geheimnisvoller weiblicher Orgasmus» und lass ihn los
Dieser Glaubenssatz blockiert dich auf zwei Arten: Entweder hältst du dich zurück, weil du das Gefühl hast, du dürftest von deinem Partner nicht so viel „Mehraufwand" erwarten. Oder du hast innerlich resigniert, weil du wirklich glaubst, ein Orgasmus sei für dich sowieso kaum erreichbar. Beides hält dich davon ab, deine Lust aktiv zu erforschen und einzufordern. Der erste Schritt ist deshalb, diesen Glaubenssatz bewusst zu hinterfragen: Was, wenn an deiner Lust und deinem Körper nichts kompliziert ist, sondern dir bisher einfach die Erlaubnis, das Wissen oder der Raum gefehlt haben, sie zu erforschen?
Lerne deine Vorlieben kennen und mache deine Lust zur Priorität
Der nächste wichtige Schritt ist Selbsterkundung, etwa durch Solo-Sex, aber auch durch bewusstes Spüren des Körpers sowie liebevolle Selbstberührungen ausserhalb sexueller Situationen. Du kannst niemandem mitteilen, was du brauchst, wenn du es selbst nicht weisst. Nimm dir bewusst Zeit, um herauszufinden, welche Art von Berührung, welches Tempo, welcher Druck an welcher Körperstelle sich für dich gut anfühlt. Mach dir bewusst, dass deine Lust keine Nebensache ist, sondern nicht verhandelbare Priorität.
Verstehe deine eigene Anatomie
Viele Frauen haben nie eine vollständige, korrekte Darstellung ihrer eigenen Genitalien gesehen oder gelernt, wie die Klitoris tatsächlich aufgebaut ist. Dieses Wissen ist die Grundlage dafür, überhaupt zu verstehen, was für erregende Empfindungen sorgt. Es gibt mittlerweile viele Kurse und tolle Creators, die dieses Wissen über die weibliche Anatomie spannend und ohne Scham vermitteln. Gerne kannst du dich auch bei mir melden, falls du deinen eigenen Körper besser verstehen und kennenlernen willst.
Sprich offen mit deinem Partner
Das ist für viele Frauen der schwierigste Schritt aber auch der wirksamste. Es geht nicht darum, Kritik zu üben, sondern konkret zu benennen, was du dir wünschst. Sätze wie «Das fühlt sich für mich besonders gut an» sind oft leichter zu sagen als «Das fühlt sich nicht gut an».
Löse dich vom Leistungsdruck
Ich erlebe in meiner Arbeit immer wieder, dass ausgerechnet der Druck, «endlich zum Orgasmus zu kommen», genau das verhindert. Erregung und Lust brauchen Sicherheit und Präsenz, nicht Anstrengung und Druck. Je mehr du dich auf das Ergebnis fokussierst, desto schwerer wird es oft, wirklich im Moment zu sein.
Arbeite an deiner Körperverbindung, auch ausserhalb des Schlafzimmers
Viele Frauen, mit denen ich arbeite, leben stark «im Kopf». Sie denken, analysieren, funktionieren den ganzen Tag, oft auch in stressigen und fordernden Berufen. Der Weg zurück zu mehr Lust führt fast immer über den Körper: über Atem, über bewusstes Spüren, über Übungen, die dir helfen, aus dem Kopf und in den Körper zu kommen.
Der Pleasure Gap ist eine Einladung
Wenn du dich in diesem Artikel wiedererkennst und du bereit bist, die Orgasmuslücke in deinem Leben zu schliessen, dann bist du bei mir genau richtig. Denn dass du weniger oft kommst als dein Partner bedeutet nicht, dass mit dir etwas nicht stimmt. Vermutlich hast du einfach nie den sicheren und geschützten Raum, das nötige Wissen oder die richtige Anleitung bekommen, um deine eigene Lust wirklich kennenzulernen.
Genau das biete ich in meiner Arbeit als Sex Coach
Frauen dabei zu begleiten und zu unterstützen, ihren Körper, ihre Lust und ihre sexuelle Kraft neu zu entdecken, ganz individuell, körperbasiert und ohne Druck. In meinem 1:1 Coaching-Programm FEMME VITALE gehen wir gemeinsam genau diesen Weg.
Wenn du lieber zuerst unverbindlich reinschnuppern möchtest, findest du in meiner kostenlosen 5-Tage-Reise «5 Tage zurück zu dir» einen ersten, sanften Einstieg mit ein paar Minuten am Tag, um wieder mehr in Kontakt mit deinem Körper und deiner Lust zu kommen. Mehr dazu findest du hier.